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Keinen Fußbreit

2008 Juli 11
by gastbeitrag

800 Leute im Nieselregen bei 4-6 Grad stundenlang eingekreist von einer Polizeieinheit in Kampfmontur, hin und wieder wird skandiert „Ihr werdet‘s nicht vermuten, wir sind die Guten“. Aus dem Kreis, dem Polizeikessel, gibt es genau einen Ausgang: Durch die Schleuse, in der Personendaten erfasst werden und an deren Ende eine Anklage auf Landesfriedenbruch wartet.

Das war die Situation im Spätherbst ’98 auf der Ecke Kaiser-Karl-Ring/Römerstr. Eingekreist waren aber nicht die rechtsdrehenden Demokratiefeinde bei ihrem bisher letzten organisierten Auftritt in Bonn, sondern diejenigen, die gegen den braunen Mob auf die Straße gegangen sind: Schüler, Studenten, normale Bürgerinnen und Bürger & eine Antifa-Einheit. Die soll irgendwann eine Flasche in Richtung Polizei geworfen haben. Darum der Kessel. Darum die zu erwartende Anzeige auf Landesfriedensbruch. Die wenigsten der Eingekreisten haben den Flaschenwurf mitbekommen. Die wenigsten wollten den Rechten die Straße überlassen oder sich gar erkennungsdienstlich erfassen lassen. Darum hieß es ausharren in der Kälte und im Regen.

Die Stimmung war trotzdem locker. Zwei kleine Transistorradios versorgten den Kessel Buntes mit den Bundesligaergebnissen. Sprechchöre machten die Runde. Einige Stunden später gab es Freßkörbe und Getränke, die die Anwohner der Kreuzung organisiert haben, um uns nicht ganz so blöde im Regen stehen zu lassen. Ausgehandelt wurde das auf politischer Ebene. Denn in der Beethovenhalle fand zeitgleich ein Bundesparteitag der Grünen statt. Die haben eine Delegation in die Verhandlungen mit der Polizei bzw. dem Regierungspräsidenten geschickt. Am Ende – nach ca. sechs Stunden – die Erlösung. Der Kessel wurde geöffnet. Ohne Personendaten abzuliefern, ohne Anzeige.

Später war zu lesen, dass alle, die durch die Schleuse raus sind, in Turnhallen verfrachtet und dort festgehalten wurden. Selbst der Generalanzeiger echauffierte sich über den rüden, unangemessenen Umgang mit minderjährigen Schülern, die, ohne den Eltern bescheid zu geben, bis spät in die Nacht festgehalten wurden. Gegen den Flaschenwerfer wurde Anzeige erstattet und es kam zur Verhandlung. Was daraus geworden ist, weiß ich nicht. Aber, dass ’98 die Verteidiger der Demokratie mitgefangen wurden, war ein absoluter Fehltritt der für den Polizeieinsatz Verantwortlichen.

Trotzdem oder gerade deshalb: Wenn morgen das neonazistische »Aktionsbüro Mittelrhein« mit einer Demonstration durch Bonn-Duisdorf marschiert, heißt es wieder „Keinen Fußbreit den Faschisten“. Die rechte Demonstration richtet sich gegen die »Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien« und soll um 12.00 Uhr am Duisdorfer Bahnhof beginnen.

Bonnerinnen und Bonner wollen diesen Nazi-Aufmarsch nicht, weder hier noch anderswo! Deshalb haben sich vom DGB über die Antifa bis zum evangelischen Pfarrbüro über hundert Organisationen zusammengefunden, um das Bündnis »Kein Fußbreit den Faschisten« zu gründen. Für das Bündnis ist klar, diesen Gruppen darf kein Raum für rassistische und antisemitische Hetze gegeben werden. Demokratie ist zu kostbar, um sie ihren Feinden zu überlassen.

Treffpunkt der Gegendemo ist am 12. Juli um 8 Uhr das DGB-Haus. Von dort aus nimmt die Bürgerdemo ihren Anlauf – phantasievoll, friedlich und wirkungsvoll!
Weitere Aktionen sind am selben Tag geplant, um zu zeigen, wie Bonn tickt: Jede und jeder ist uns willkommen, egal welcher Herkunft und Hautfarbe – aber die Nazis nicht!

Demo-Verlauf

  • 8 Uhr Treffen DGB-Haus

ab 9 Uhr Gemeinsame Demo und Dauerkundgebung
nach Duisdorf zum Kundgebungsplatz Hermann-Wandersleb-Ring/Rochusstraße/Provinzialstraße (Nähe Bundesprüfstelle)
Dort Dauerkundgebung und Infos bis zum Ende des Nazi-Spuks und gemeinsame Abschlusskundgebung
Anmelder: DGB Bonn

  • 10.30 Uhr weitere Demo

vom Kundgebungsplatz zur Mahnwache Ladestraße (Nähe Bahnhof Duisdorf).
Geplanter Demoweg: Nordroute: Meßdorfer Feldweg, Heerweg, Alter Heerweg, Ladestraße.
Je nach Lage wird in Absprache mit der Polizei ggf. spontan eine kürzere südliche Route gewählt.
Anmelder: Friedenskooperative

  • weitere Mahnwache

Kulturzentrum Hardtberg (Ecke Derlestraße/Am Burgweiher)
Anmelder: Freie Bildung Bonn (FBB)

Aktuelle Informationen unter: www.bonn-stellt-sich-quer.de
Kostenbeteiligung: DGB-Region Bonn/Rhein-Sieg/Oberberg, SEB Bank Aachen, BLZ 390 101 11,
Konto 1000 200 600, Verwendungszweck: Kein Fußbreit den Faschisten
V.i.S.d.P.: Bündnis „Kein Fußbreit den Faschisten“, c/o DGB-Region Bonn/Rhein-Sieg/Oberberg, Ingo Degenhardt, Endenicher Str. 127, 53115 Bonn

Luur ooch von gastbeitrag

3 Responses leave one →
  1. Lanie permalink*
    Juli 12, 2008

    Tja, die Geschichte wiederholt sich, das Wetter war wechselhaft, die Stimmung in erster Linie friedlich, doch noch bevor sich die zweite Demonstrationsrunde um 10:30 Uhr wie genehmigt über den Meßdorfer Feldweg in Bewegung setzen konnte, war auf einmal alles gesperrt, kein Durchkommen, keine Erklärung. Trotz des Eindrucks der polizeilichen Willkür, der entstand, bliebt die Stimmung, soweit wir beobachten konnten friedlich. Einige Sprechchöre und wiederholt die Aufforderung die genehmigten Wege freizugeben. Selbst der mitunter schwer zu ertragende schwarze Block schien zu diesem Zeitpunkt noch nicht so recht in Stänkerlaune zu sein.

    Doch noch bevor ein Schritt Richtung Meßdorfer Feldweg gegangen werden konnte, wurde ein Kessel gezogen, scheinbar wahllos, den Mitten durch den schwarzen Block, damit war die Hälfte drinnen und die Hälfte draussen, dafür waren Mütter mit Kindern und Vertreter der AWO mit eingeschlossen. Auch hier wieder keine Erklärung, keine Auflösung, nur die Ansage, dass wer den Kessel verlassen wolle, nur seine Personalien hinterlassen müsse. Der Kessel besteht noch immer, mittlerweile gab es einige Verhaftungen, manche davon recht rüde und de Zahl derer die noch eingeschlossen ist, hat sich deutlich verringert, die der weißen Helme drum rum ist dafür um so größer, nicht zuletzt weil sie mittlerweile auch noch von einem Ring von Einsatzwagen umgeben sind. Kaffee und Brötchen gab es auch heute wieder. Eine geworfene Flasche und die Ankündigung, dass die Demonstration aufgelöst sei jedoch nicht. In der Presse ist von Farbbeuteln zu lesen, auf der Strasse war davon nichts zu sehen.

    Wir die wir außen standen, durften nach einer Weile doch noch Richtung Bahnhof Duisdorf abmaschieren und dort auch noch weit deeskalierenderen Einsatzkräften begegnen als das am DGB Haus der Fall war.

    In Duisdorf waren heute die ganz Alten und die ganz Jungen und viele Abstufungen dazwischen, alle wollten in erster Linie eines: Durch ihre Anwesenheit Stellung beziehen, zeigen, dass sie nicht bereit sind den Aufmarsch der braunen Brut wortlos hinzunehmen, selbst OB Dieckmann fand sich in den Reihen des Bündnisses “Keinen Fußbreit den Faschisten”.

    Ein Erfolg war es allemal, aber ein wenig frustrierend definitiv auch. Denn das Vorgehen der Einsatzkräfte in Duisdorf am DGB Haus war für mich nicht zu verstehen.

  2. Juli 13, 2008

    Super Beitrag und spitzen Kommentar. Muss man doch mal sagen. Weiter so!

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  1. Bonn stellt sich quer

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