Bonner Zwischenrufe
Das Zwischenrufen während einer Parlamentssitzung war in der Bonner Republik eine hohe Kunst.
Konrad Adenauer lieferte sich z. B. seinerzeit einen Stellungskrieg mit dem Kommunisten Heinz Renner. So sagte der Kanzler einmal: „Das Grundgesetz, an dem ich ja auch mitgearbeitet habe.“ Darauf Renner: „So sieht’s auch aus.“ Adenauer: „Sie haben doch auch mitgearbeitet.“ Renner: „Ich habe es abgelehnt.“ Adenauer: „Ich möchte doch hier zur Ehre des Herrn Kollegen Renner feststellen, dass er in den Ausschüssen sehr nett und fleißig am Grundgesetz mitgearbeitet hat.“ Renner: „Um ihm einige Zähne auszubrechen.“ Darauf der Sozialdemokrat Carlo Schmid: „Die sind nur plombiert.“
Carlo Schmid – neben Wehner und Strauß einer der größten Zwischenrufer – donnerte einst in den Plenarsaal: „Machen Sie bitte keine Zwischenrufe, sonst antworte ich Ihnen.“ Das hatte Schneid.
Seitdem die Regierung das katholische Rheinland ver- und sich im protestantischen Preußen niedergelassen hat, ist auch die Streitkultur dahin. Während in der ersten Legislaturperiode noch 159 Ordnungsrufe verteilt wurden, waren es in der letzten nurmehr fünf. Alles preußisch wohlgeordnet und irgendwie lattemachiatohaft, wie die aktuelle Generation von Abgeordneten, die eben gerne im Berliner Café Einstein abhängt.
Darum hat Lydia Harder einen Nachruf auf den Zwischenruf verfasst. Prädikat lesenswert!
Luur ooch von Mark
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Die Abgrenzung katholisches Rheinland / protestantischen Preußen (hier, ich nehme an, Berlin) ist ungeschickt. Erstens war das Rheinland genauso preussisch wie Berlin (man denke nur an den Stifter der Uni Bonn und die vielen Fußballvereine, welche “Borussia” im Namen tragen), zweitens ist ein Vergleich eines historischen Staates mit einer Religion eh fraglich…
http://de.wikipedia.org/wiki/Rheinprovinz
Öhm, spricht da so’n ganz klein wenig der Neid oder Gram, dass die Herren Abgeordneten aus dem lauschigen Bonn ins dicke B. gezogen sind?
Aber, ahem, das ist nur so ‘ne kleine Vermutung, hihi.
Gruß
Thomas
Dachte, ich sollte so langsam mal mit dem “Früher war alles besser” anfangen, sonst wird das ja nix mehr…
Zur Frage, ob man zwischen katholischem Rheinland und protestantischem Preußen unterscheiden kann: Es waren ja auch eher regionale Differenzen in der Mentalität gemeint. Die kann man schon unterscheiden. Einfach mal nach Berlin fliegen, dort in ein Taxi einsteigen und nach dem Rückflug in ein Köln/Bonner…
Trotz preußischer “Besatzung” gibt es diese Unterschiede. Ab Koblenz z.B. war die Bevölkerung gegenüber dem Preußentum viel aufgeschlossener. Ich finde, das merkt man den Leuten auch an – die werden dahinten viel zugeknöpfter
Zuletzt:
“Katholisches Rheinland und protestantischer Staat
Preußen hat viele Gesichter
Die Spannungen zwischen preußischem Staat und katholischer Kirche, die im Rheinland latent vorhanden waren, gerieten im sog. Mischehenstreit in den 1830er Jahren zur Explosion. Die staatliche Regelung, dass in gemischt-konfessionellen Ehen die Religion der Kinder immer der Konfession des Vaters zu folgen hatte, wurde vom Kölner Erzbischof Droste Vischering nicht hingenommen. Seine Weigerung eskalierte schließlich in der Verhaftung des Bischofs im November 1837. Die Empörung darüber war enorm und ließ Droste Vischering zur Symbolfigur des katholischen Widerstands gegen den Staat werden. Das Kölner Ereignis insgesamt wurde so auch zum Erweckungserlebnis des politischen Katholizismus. Die Auseinandersetzungen zwischen rheinischem Katholizismus und dem preußischen Staat erlebten während des Kaiserreichs im “Kulturkampf” einen weiteren Höhepunkt, der zu antipreußischen Ressentiments führte. Auch hier erfolgte die Verhaftung eines Kölner Erzbischofs 1874 unter politischen Vorzeichen. Doch scheint die allgemeine nationale Begeisterung besonders in den Jahren des Wilhelminismus nach 1890 schießlich auch in den katholisch-dominierten Rheinlanden zu einer Aussöhnung mit dem preußischen Staat geführt zu haben.”
“Revolution in der Rheinprovinz
Als im März 1848 die rheinischen Liberalen Camphausen und Hansemann zur Führung der neugebildeten preußischen Regierung berufen wurden, schien die Rheinprovinz das Übergewicht über die ostelbischen Kernlande der Monarchie erlangt zu haben. Sahen die Liberalen ihre politischen Ziele damit fast schon erreicht, wurde die Rheinprovinz daneben auch zum Zentrum der demokratischen und sozialrevolutionären Agitation in Preußen. Als weiterer politischer Faktor trat die katholische Bewegung hervor, welche die kirchliche Unabhängigkeit vom Staat anstrebte.
Aus der von je her unbequemen wurde 1848/49 eine unruhige Provinz – ihre Loslösung von Preußen fand aber zu keinem Zeitpunkt eine Mehrheit. “Revolution” bedeutete auch in den Rheinlanden eine Vielzahl örtlich und politisch zersplitterter Aktionen, hinter denen kein einheitlicher Wille stand, und die insgesamt nur von einer Minderheit der Bevölkerung getragen wurden.
Köln, Düsseldorf und auch Elberfeld bildeten lokale Zentren. Vornehmlich im September und November 1848 und dann zuletzt im Mai 1849 erfolgten verschiedene Zusammenstöße mit preußischem Militär. Die Regierung konnte ihren gegenrevolutionären Kurs – flankiert durch juristische und militärische Unterdrückungsmaßnahmen – letztlich durchsetzen, ohne dass es zu einem Aufstand wie in der Pfalz und in Baden kam.”
Quelle: http://preussenmuseum.de/